Mein Zeugnis: Vom Beinahe-Mörder zum Kind Gottes
Hans-Günter Kortmann
Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die durch schwierige Lebensumstände
und Not gehen müssen und in Gefahr stehen aus dem seelischen Gleichgewicht zu
fallen. Wie viele Menschen sind durch schwere Krankheiten in Lebensängste? Wie
viele Angehörige leiden darunter, nicht helfen zu können, haben Angst vor dem
Verlust eines Ehepartners oder eines Kindes? Mögen es in Deutschland
Hunderttausend sein, oder gar eine Million?
Oder gar 100 Millionen auf der ganzen Erde?
Wie viele Menschen haben Angehörige durch Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnot, Verbrechen, Unfälle oder Drogen verloren und finden in ihrer Trauer keine Ruhe? Wozu all diese Not? Warum lässt Gott das alles zu? Oder ist die Tatsache, dass es so viel Not gibt, ein Beweis dafür, dass es keinen Gott gibt? Fragen über Fragen häufen sich zu einem scheinbar nicht zu überwindenden Berg auf.
Der Schreiber dieses Buches ist selbst vor etwa zwanzig Jahren durch die Krankheit und den Tod seiner Frau durch tiefe Nöte gegangen, die ihn fast in einen Amoklauf getrieben hätten. Viele Jahre sind vergangen, der Abstand wurde größer, doch die Frage nach dem „warum?“ ist endgültig für ihn beantwortet. Sollte es nur einem Leser Trost und Hilfe sein, so war die Mühe des Schreibens nicht umsonst.
Schießübungen und deren Folgen
Während der Bundeswehrzeit verbrachte die gesamte Brigade eine Woche auf dem Truppenübungsplatz zwecks diverser Schießübungen. Im Pistolenschießen hatte ich absolut keinen Erfolg, aber ich hatte mir fest vorgenommen, bei dem Schießen mit dem G3-Gewehr auf bewegte Ziele diese Blamage wieder gut zu machen, zumal ich in der Vergangenheit oft bewiesen hatte, dass ich mit dieser Waffe einer der treffsichersten Schützen unserer Kompanie war.
Jeder Schütze hatte ein Magazin mit 20 Schuss zur Verfügung. Es kam darauf an, möglichst viele Figuren, die sich von links nach rechts oder umgekehrt in verschiedenen Geschwindigkeiten bewegten, zu treffen. Es gelang mir an diesem Tag das beste Tagesergebnis auf der Schießbahn zu erzielen, und ich bekam dafür drei Tage Sonderurlaub. Ein Teil der Kameraden konnte an diesem Tag nicht teilnehmen, weil sie noch andere Übungstermine wahrnehmen mussten. Die Folge davon war, dass die Munition, die dafür eingeplant war, übrig blieb. Da der Kompaniechef sich nicht eingestehen wollte, dass er die ganze Schießübung schlecht geplant hatte, befahl er, die entsprechenden Schießbücher zu fälschen; die übrig gebliebene Munition sollte einfach so verschossen werden, damit bei der Rückgabe keine dummen Fragen gestellt werden können. Da ich meine Waffe schon gereinigt hatte und beim Vernichten der Bestände helfen sollte, ließ ich meine Patronen in den Seitentaschen meines Kampfanzuges verschwinden. Diese Patronen hatte ich sozusagen als Andenken an meine Zeit bei der Bundeswehr mit nach Hause gebracht.
Die Begegnung
Ganz provokativ, mitten auf den Wohnzimmertisch, legte ich das mit einigen Patronen gefüllte Magazin, eine Schale mit Süßigkeiten, Salzstangen sowie zwei Gläser und einige Getränke für meinen Besucher bereit.
An diesem Abend erwartete ich Besuch von einem Mann, den ich damals nur als Versicherungsvertreter kannte, der aber vor einigen Wochen durch ein Gespräch in meinem Leben einiges durcheinander wirbelte. Was sich aber bei mir seither verändert hat, konnte er nicht wissen. Für diesen Abend nahm ich mir vor, ihm von meinem Leben und meinen Problemen zu erzählen, da ich sehr dankbar war, dass er durch seine direkte Art über den christlichen Glauben zu reden, mich vor einer schlimmen Tat bewahrt hat.
Ganz sicher war ich mir nicht, ob es richtig war, das Magazin so offen auf dem Tisch stehen zu lassen – aber da klingelte es schon an der Tür. Mit schnellen Schritten und klopfendem Herz eilte ich zur Tür. Mein Besuch war da. „Hallo Jürgen, schön, dass du gekommen bist.“ Die Begrüßung war sehr herzlich, denn in den vergangenen Wochen war doch wirklich ein vertrautes, ja sogar freundschaftliches Verhältnis entstanden. Im Wohnzimmer angekommen, nahm er im Sessel platz. Schnell entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung. „Wie kommst du klar? Hast du Hilfe für deine beiden Kinder?“ Noch ehe ich auf seine Fragen eingehen konnte, merkte ich, dass er das Magazin entdeckte und eilig aufstand, um es vom Tisch zu nehmen. Er las die eingravierte Aufschrift Heckler & Koch und sagte dann zu mir: „Das ist ja ein Magazin von einem Sturmgewehr, die Munition sieht echt aus.“ „Richtig!“ sagte ich, „Es stammt von einem G3-Gewehr der Bundeswehr.“
„Ich habe Angst um dich Hans-Günter, mach ja keine Dummheiten damit. Wie kommst du überhaupt in den Besitz dieser Sachen? Allein mit dem Besitz machst du dich schon strafbar.“ „Ja Jürgen, ich weiß es, aber zu deiner Beruhigung möchte ich dir nur sagen, dass ich nicht mehr im Besitz dieser Waffe bin, möchte dir aber erzählen, wie es dazu gekommen ist.“
Mein Lebenslauf
Um dem Leser den Einstieg in die wahre Geschichte dieses Buch zu erleichtern, möchte ich zunächst einiges zu meiner Person schreiben:
„Zum besseren Verständnis muss ich sehr weit ausholen, aber wenn es zu langatmig wird, sage es mir bitte, dann überspringe ich dieses Kapitel.“ „Aber nein, sagte Jürgen, erzähle es mir nur, denn ich weiß so gut wie nichts von deiner Familie und deiner Vorgeschichte.“
„Im September 1958 bin ich in Bremen geboren. In dieser Zeit bauten meine Eltern ein Wohn- und Geschäftshaus. Nach der Fertigstellung eröffneten sie ein Geschäft in der Tapeten- und Bodenbelagsbranche. Meine Großmutter, mütterlicherseits, zog ebenfalls in das Haus mit ein, um meine Mutter im Haushalt und allen Bereichen des täglichen Lebens zu unterstützen. Da meine Eltern keine weiteren Kinder bekamen wuchs ich als Einzelkind auf. Ich erlebte dort eine recht glückliche Kindheit. Meine Eltern mussten sehr viel in ihrem Geschäft arbeiten und sie verdienten entsprechend, so dass wir als Familie finanziell unabhängig waren und uns im bescheidenem Umfang einiges leisten konnten.
Ein Wohnwagen wurde gekauft und in den Sommerferien gab es regelmäßige Urlaubsfahrten. Wir waren als Familie im Großen und Ganzen recht glücklich.
Wie es so ist, wenn Großmutter, Eltern und Kind unter einem Dach wohnen, entwickeln die Kinder schnell eine Strategie, die Autorität der Eltern mit Hilfe der Großeltern auszuhebeln. Diesen Erfolg konnte auch ich fast bis ins Erwachsenenalter vermelden, und so wuchs ich als ein leicht verwöhntes Einzelkind auf.
Nach der schulischen Ausbildung begann ich eine Berufsausbildung im Raumausstatterhandwerk in Bremen. 1978 konnte ich dann im elterlichen Betrieb meine Arbeit als Raumausstattergeselle antreten. Kurze Zeit darauf kam die Einberufung zur Bundeswehr. 15 Monate Wehrdienst in der schönen Lüneburger Heide, in einer Panzerbrigade, musste ich dann absolvieren. 1981 lernte ich dann meine Frau kennen.“
Jürgen: „Ja, deine Frau habe ich auch noch kurz vor ihrem Tod kennen gelernt. Als sie mir sagte, dass sie in einigen Wochen sterben würde, war ich sehr betroffen. Ich beschloss danach, gemeinsam mit Heinz, einem Bruder aus der Gemeinde, für dich und deine Frau zu beten.“
„Was, du hast für uns gebetet? Vor einigen Wochen noch, als wir uns über Gott und über das Christentum unterhalten haben, hätte ich noch darüber gelacht. Jetzt aber fällt mir ein, dass seit meiner frühen Jugendzeit einige Leute für mich gebetet haben.“
Jürgen: „Siehst du, Gott erhört auch heute noch Gebete.“
„Du fragst dich sicherlich, was dieses Gewehrmagazin hier auf dem Tisch mit meiner verstorbenen Frau und meinen Problemen zu tun hat? Es ist alles noch viel komplizierter und schlimmer als du vermutest.“ „Du hast doch wohl nicht mit der Waffe jemanden erschossen?“ fragte Jürgen mit besorgtem Blick. „Nein, das habe ich nicht, aber viel hätte nicht gefehlt und ich hätte es wahrscheinlich auch gemacht.“ „Wie bist du denn an diese Sachen herangekommen?“ „Ich will es dir heute Abend erzählen.“
Wie du weißt, war meine Frau an Krebs erkrankt, genauer gesagt, war es ein Nebennierenrinden-Karzinom. Als dieser vor etwa 11 Monaten im Krankenhaus entdeckt wurde, waren schon viele Metastasen im Körper, die die Leber schon zu 2/3 befallen hatten, der Haupttumor an der Nebennierenrinde war bereits über 10 cm im Durchmesser.“
„Hat sie denn bis dahin nichts gemerkt? Doch schon, denn ca. zwei Monate nach der Geburt der beiden Mädchen hatte sie eine enorme Gewichtszunahme. Sie sagte zu mir: „Was soll ich nur machen? Ich nehme jede Woche 3kg zu, ohne viel zu essen, dass kann’s doch wohl nicht sein. Wenn das so weitergeht, dann passe ich in zwei Monaten nicht mehr durch die Tür.“ Ich sagte zu ihr: „Geh doch ins Fitness-Studio, das wird dir bestimmt helfen.“ Woche für Woche ging sie dort hin, doch ohne Erfolg. Sie sagte: „Bald ist es so weit, dass mir selbst die Sachen aus der Schwangerschaft nicht mehr passen werden.“
In den folgenden Monaten ging sie zu vier verschiedenen Ärzten und alle konnten betreffs ihrer Probleme keine eindeutige Diagnose stellen. Nach einigen Monaten sagte ihr der Hausarzt, dass ihr Problem vielleicht vom Kopf ausgehen würde, nach einer Geburt ist so etwas möglich; „und bedenken Sie“, sagte er weiter, „Sie haben ja auch schließlich Zwillinge bekommen.“ „Herr Doktor, meinen Sie etwa, ich simuliere hier Ihnen etwas vor? Nun reicht es mir allmählich, Sie sind Arzt, unternehmen sie etwas, schicken sie mich zu einem Radiologen oder sonst wo hin.“ Mit geballter Faust schlug sie auf den Tisch, sie hatte Mühe vor lauter Enttäuschung nicht ganz die Fassung zu verlieren.
Mit nachdenklichem Gesicht sagte der Arzt: „Gut, das mit dem Radiologen wäre eine Möglichkeit, in Bremen ist da ein guter Spezialist, bei dem könnte man eine CT Untersuchung machen.“
In der folgenden Woche suchte sie den Spezialisten auf, und dieser sagte gleich am Ende der Behandlung: „Fahren sie umgehend nach Hause und machen Sie sich für einen längeren Krankenhausaufenthalt bereit. Gehen Sie noch heute ins Krankenhaus „Links der Wese“‘.
Ich benachrichtige sofort ihren Hausarzt, dass er die Einweisung vornimmt.“ „Was ist denn mit mir los?“ fragte sie ein wenig beunruhigt? „Näheres werden Sie im Krankenhaus erfahren, ich kann nur so viel sagen, dass es schon recht ernst ist, aber dort im Krankenhaus, wird man Ihnen sicherlich helfen.“
Als ich mittags nach Hause kam, war Martina mit den Vorbereitungen fertig, die Taschen waren gepackt. Ich sah ihr schon an, dass da etwas Schlimmes auf uns zu kommen würde, denn in ihrem Gesicht war doch Besorgnis zu erkennen. Sie schilderte mir, was der Arzt aus der Radiologiepraxis ihr gesagt hatte. Das traf mich natürlich sehr, damit hatte ich nicht gerechnet. Bis dahin hatte ich mir es so vorgestellt, dass eine Diagnose erstellt wird, einige Schachteln Tabletten verschrieben werden und alles kommt in Ordnung. So, wie es doch fast immer ist, wenn man einen Arzt aufsucht. Im nächsten Moment klingelte das Telefon und die Hausarztpraxis meldete sich, dass die Überweisungspapiere bereit sind. Es wurde mir gesagt, ich sollte die Papiere für die Klinik holen und einen Gesprächstermin mit dem Arzt abstimmen. Er müsse sich dringend mit mir unterhalten. Mein Herz begann laut in meiner Brust zu schlagen. Ich wurde dadurch sehr beunruhigt, spürte ich doch, dass dunkle Wolken aufzogen, die unser ganzes Leben einhüllen würden.
Nachdem ich mit Martina ins Krankenhaus gefahren war und die Aufnahmeformalitäten abgeschlossen waren, wurde sie in die chirurgische Abteilung aufgenommen. Als ich auf dem Heimweg war, versuchte ich meine Unruhe zu verbergen, waren doch meine Schwiegereltern in unserer Abwesenheit bei uns, um die Kinder zu hüten. Die Zeit bis zum Gesprächstermin beim Hausarzt wollte einfach nicht vergehen. Es fiel mir schwer, meine Unruhe zu verbergen. Sie fragten mich: „Du machst dir Sorgen, nicht wahr?“ „Ja doch, es ist schon beunruhigend, dass der Hausarzt mit mir persönlich sprechen möchte. Denn die Ärzte und Krankenschwestern der Klinik, haben sich nicht geäußert, was mit Martina los ist.“
Zwei Stunden später saß ich beim Hausarzt im Behandlungsraum und die letzten Patienten und die Arzthelferinnen hatten die Praxis verlassen. Es war 19:30 Uhr. „So“, sagte er, „jetzt können wir uns in Ruhe über ihre Frau unterhalten.“ Er öffnete eine Schranktür, holte zwei Cognacgläser und eine Flasche Cognac aus seinem Schrank. „Möchten sie auch ein Glas?“
„Nein danke, ich möchte keinen.“ „Sie werden nachher aber einen brauchen können“, sagte er und schenkte mir trotzdem ein Glas ein.
Ich kenne Ihre Frau von Kindheit an, auch ihre Schwiegereltern und das, was ich ihnen sagen muss, fällt mir sehr schwer. Ihre Frau ist krank, sehr schwer krank. Sie ist so schwer erkrankt, dass ich ihnen den dringenden Rat geben muss, von einer medizinischen Behandlung Abstand zu nehmen. Sie hat Krebs im fortgeschrittenen Stadium, die Lebenserwartung beträgt nur noch ein bis zwei Wochen. Der Professor in der chirurgischen Abteilung ist der gleichen Ansicht.“
In mir türmte sich Wut und Verzweiflung auf; Wut, weil dieser Arzt, meiner Meinung nach, vor einigen Wochen die Krankheit von Martina nicht recht Ernst genommen hat, Verzweiflung, weil wir uns kampflos diesem Schicksal ergeben sollten. Ich stand in Gefahr, die Kontrolle über meine Sinne zu verlieren. Mit fast zugeschnürter Kehle stammelte ich: „Das kann doch nicht sein! Vor einigen Tagen haben Sie doch etwas ganz anderes gesagt! Es sei ein psychisches Problem, und nun so etwas, ich kann es nicht fassen.“
„Für mich ist es auch so, sagte er. Dies sei für ihn auch ein sehr selten schwerer Fall, zumal ihre Frau noch so jung ist und Mutter von zwei Kinder. Glauben sie mir, da wird jeder Mediziner bemüht sein, das Blatt noch zu wenden. Aber das ist Ihrem Fall vollkommen ausgeschlossen! Operativ ist so ein Eingriff nicht mehr durchführbar und mit Chemotherapie und Bestrahlung ist da auch nichts auszurichten. Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, dass es nur noch Sinn macht, schmerzstillende Maßnahmen zu ergreifen, um bis zum Schluss eine einigermaßen erträgliche ‚Lebensqualität‘ zu haben.“
„Niemals!“, ich werde morgen mit dem Professor in der Chirurgie sprechen, ich bin mir sicher, dass meine Frau genauso denken würde wie ich, wir werden uns damit nicht abfinden, wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen und nichts unversucht lassen, damit sie wieder gesund wird. Ich hoffe auf ein Wunder.“ „Das wäre zu schön, das wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau von ganzem Herzen.“
„Damit Sie Bescheid wissen, ich bin zu jeder Zeit für Sie da, wenn sie Hilfe und Rat brauchen“, sagte er wohlwollend zu mir.
Nachdem meine Eltern und Schwiegereltern von der Situation unterrichtet wurden, bemerkte ich erst an ihrem Verhalten und ihrer Bestürzung, wie schlimm die eigentliche Lage war. Als ich spät abends zur Ruhe kam, drohte sich diese Ruhe wie ein Schock auszuwirken. Ein Schock, der mir sagen wollte: „Bleib nur ruhig sitzen, bald ist der Traum zu Ende, dann wachst du auf und alles ist wieder gut.“
Im selben Moment klingelte das Telefon und es meldete sich Tante Liselotte aus Gießen. Sie sagte mir: „Deine Mutter hat mir alles berichtet; ja, es sieht ganz ernst aus, ich hatte mich sofort bei einem befreundeten Arzt (einem Chefarzt der Uniklinik Gießen) erkundigt, und der teilte in etwa die Meinung des Hausarztes, dass für eine OP die Aussicht auf Erfolg gleich Null wäre. Er schätzt die Lage jedoch so ein, dass, wenn einige verschiedene Kapazitäten aus speziellen Kliniken angefordert würden, ein ganz kleiner Hoffnungsschimmer besteht. Er ist bereit, sich der Sache anzunehmen, und wird in der Medizinischen Hochschule Hannover bei Prof. Pichlmayr versuchen, eine Behandlungsmöglichkeit zu bekommen.“
Hoffnung keimte auf, und ich stellte mir das jetzt so einfach vor morgen früh ins Krankenhaus zu fahren um Martina nach Hannover zu bringen.
Am nächsten Vormittag fuhr ich zum Krankenhaus, um mit den Ärzten die neue Situation zu besprechen.
Auf Leben und Tod
Die Tatsache, dass es uns gelungen war, eine Behandlungsmöglichkeit in der Abteilung von Prof. Pichelmayr zu bekommen, dass er sich persönlich der Sache angenommen und veranlasst hatte, benötigte Kollegen aus ganz Deutschland anzufordern, gab uns sehr viel Hoffnung und Mut an einen guten Ausgang zu glauben.
Die Operation dauerte fast acht Stunden und es wurden alle Tumore entfernt, bis auf eine Metastase in der Lunge, die nicht operativ erreichbar war. Die Blutverluste während der Operation waren sehr groß und weitere Probleme stellten den Erfolg der Operation immer wieder in Frage, z.B. dass ihr Herz immer wieder stehen blieb und die Ärzte oft reanimieren mussten. Schließlich hatte sich ihr Zustand stabilisiert, so dass sie zur Intensivstation verlegt werden konnte.
Grenzerlebnisse an der Schwelle des Todes
Nach der geglückten Operation, als Martina wieder sprechen konnte, versuchte sie mir zu erklären, was sie in der Zeit erlebt hat, als sie während der Operation in diesem kritischen Zustand zwischen Leben und Tod war. Sie sagte, dass es ein schönes Erlebnis war; so leicht und unbeschwert kam es ihr vor, als sie ihren Körper dort auf dem Tisch hat liegen sehen, rings von den Ärzten umgeben. Eine Stimme sagte ihr dann, du musst zurück, schnell beeil dich, deine Zeit ist noch nicht da.
Ich sagte zu ihr, an so etwas glaube ich nicht, das war sicher nur ein Traum. Jedoch ein Arzt der selber schon oft mit Patienten gesprochen hatte, die in ähnlichen Situationen so etwas erlebt hatten, meinte dann zu mir, das sind Grenzbereiche, die wir nicht wissenschaftlich beweisen aber auch nicht widerlegen können. Er persönlich halte dies für möglich.
Für mich war das jedoch ein ganz neuer Gedanke und ich fing an, mir zu diesem Thema Bücher auszuleihen. (Elisabeth Kübler-Ross u.a.) Ab dieser Zeit begann ich mich nach solcher Lektüre auszustrecken. Das verschaffte mir dann in den sorgenvollen schlaflosen Nächten etwas Ablenkung.
Steiner – Hahnemann – Zen Buddhismus und ähnliche Philosophien
Durch das Lesen von esoterischen Büchern war mir klar geworden, dass unsere Welt, die aus Materie bestand, von einer weiteren Dimension umgeben sein muss, einer geistigen, die nicht mit unseren Händen greifbar ist. Durch das Lesen verschiedener Bücher von Hahnemann und Rudolf Steiner, sowie auch Bücher über den Zen Buddhismus schien es mir möglich, die Welt die aus Materie bestand, mit Hilfe der geistigen Dimension zu verändern.
Durch die Gesetzmäßigkeiten dieser Lehren sollte es möglich sein, einen positiven Ausgang unserer Probleme zu erreichen.
Sollte also die Schulmedizin einmal versagen, konnte ich einen Trumpf aus dem Ärmel ziehen und Martina und mir selbst helfen. Also eignete ich mir in der Zeit, in der ich nachts alleine war und nicht schlafen konnte, Wissen über diese alternativen Geisteswissenschaften an.
Ärzte erwecken Hoffnung
Während Martinas Genesung versuchte ich, sooft es ging, bei ihr zu sein. Wir freuten uns über jeden Fortschritt, den sie machte. Während einer Chefarztvisite konnte ich dabei sein. Sie sagten zu mir: „Das Unmögliche ist eingetreten und wir können es selber nicht glauben, dass ihre Frau diese schwere Operation so gut überstanden hat, da können wir doch wirklich hoffen, dass die zwei Metastasen auch noch durch die Chemotherapien eingekapselt werden können.
Ein Gespräch über die Ursache der Krankheit
Etwa in der Zeit zwischen der zweiten und der dritten Therapie hatte ich während eines Aufenthaltes in der MHH mit einem jungen Assistenzarzt ein Gespräch über Vermutungen betreffs der Krankheitsursache. Er sagte, dass jeder Krankheitsfall, der hier in der MHH behandelt wird, für die Ursachenforschung und Wissenschaft wichtig ist. Es wird nach Ursachen geforscht, um mit den Ergebnissen Studien zu veröffentlichen, die zeigen, wie sich Krankheiten im Vorfeld besser erkennen oder vermeiden lassen.
Ich fragte ihn, ob er oder die Kollegen schon die Ursachen gefunden hätten, die für die Erkrankung Martinas verantwortlich sind? Ja, wir sind da schon recht weit gekommen. In der Schwangerschaft hatte ihre Frau ein Medikament bekommen und das laut Unterlagen über zwei Monate lang. Es war ein Medikament auf Hormonbasis, das die Geburtswehen zwei Monate vor der Entbindung unterdrücken sollte.
Nach der Geburt der Kinder ist es aber wichtig, dass es langsam abgesetzt werden muss. Es sind im Mutterpass keinerlei Vermerke darüber gemacht worden. Wir gehen davon aus, dass es nach der Entbindung sofort, d.h. komplett abgesetzt wurde. Das erklärt sehr wahrscheinlich, dass die Nebennierenrinde dadurch gestört wurde. In der Folge entstand der bösartige Tumor, der dann die Metastasen ausbildete.
Dieses Gespräch ließ dann während der nächsten Monate als Martinas Leidensweg immer größer wurde, in mir Hass und Rachegefühle gegenüber diesem Arzt, der unbeabsichtigt oder leichtfertig diesen Fehler begangen hat, entstehen und immer stärker werden.
Letzte Untersuchung in der MHH
Wie oft bin ich diese Strecke gefahren, dachte ich so, als ich mit Martina nach Hannover zur Medizinischen Hochschule unterwegs war. Sie hat sich seit der letzten Chemotherapie vor 10 Tagen kaum richtig erholt, die Blutwerte, die der Hausarzt durch das Labor ermitteln ließ, deuteten darauf hin, dass es unmöglich sein wird jetzt schon mit der Weiterbehandlung zu beginnen. Wir waren beide gespannt, was uns diesmal in der MHH erwarten würde.
Dort angekommen, meldeten wir uns auf der Station, ein Zimmer wurde uns angewiesen und alle Formalitäten wurden erledigt. Nach so vielen Monaten der Behandlung stellte sich eine gewisse Routine ein; kannten wir doch allmählich das gesamte Pflegepersonal und auch die meisten Ärzte der onkologischen Abteilung. Es hatte sich während der letzten Monate ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen gebildet.
Nach einer gewissen Zeit kam der behandelnde Arzt aufs Zimmer um sich mit uns über den weiteren Verlauf der Behandlung abzustimmen. Er meinte, er hätte die Unterlagen des Hausarztes schon durchgearbeitet und dass eine erneute CT-Untersuchung jetzt wichtig wäre, um abschätzen zu können, ob weitere Therapien sinnvoll sind.
Noch am selben Tag wurde die Untersuchung aufgenommen. Einige Stunden später kam der Arzt wieder aufs Zimmer. Wir merkten sofort, dass er einen bedrückten Eindruck machte und er sagte: „Schön, dass ihr Mann noch nicht nach Hause gefahren ist, da kann ich mich mit ihnen beiden über alles weitere unterhalten.“
Die Ergebnisse der CT-Untersuchung haben ergeben, dass die letzten Chemotherapien nichts mehr bewirkt haben, und ihr körperlicher Zustand sich in den Wochen nach den Therapien verschlechtert hat. Neue Metastasen in der Leber an der Wirbelsäule und auch im Kopf sind zu erkennen.
Weitere Chemotherapien sind also sinnlos und wir Ärzte an der MHH, muss ich eingestehen, haben medizinisch keine Möglichkeit mehr, Ihnen zu helfen. Ich kann Ihnen nur zwei Alternativen anbieten: entweder Sie bleiben bis auf weiteres hier in der Klinik, wobei wir ihnen keinerlei Behandlung anbieten können, nur gewisse Maßnahmen zur Besserung des Wohlbefindens und Schmerzlinderung, denn Schmerzen werden kommen, besonders von der Wirbelsäule oder, die zweite Möglichkeit, sie gehen in ein Krankenhaus in Heimatnähe, das diese Maßnahmen genauso gut durchführen kann. Bedenken Sie auch, dass wir eine Spezialklinik sind, wenn Sie ihr Bett hier freimachen, können wir einem anderen Patienten vielleicht dadurch helfen.
Er sagte noch: “Ich lasse sie beiden eine halbe Stunde allein, überlegen Sie sich in der Zwischenzeit in Ruhe, wie Sie sich entscheiden wollen.“
Wir entschieden uns für die zweite Variante und wir fuhren noch am selben Tag zurück in die heimatnahe Klinik nach Bassum.
Auf der Fahrt zurück malten wir uns aus, wie der Krankheitsverlauf wohl weitergehen würde. Einen bitteren Vorgeschmack hatte Martina schon vor einigen Wochen bekommen, als sie das erste Mal die Schmerzmittel einnehmen musste; und sie hatte davor große Angst davor, wenn sich das steigern würde. „Wenn das Schlimmste eintritt, dann hilf mir bitte dabei, dass ich endlich sterben kann. Sorge doch dann dafür, dass ich morgens nicht mehr aufwache. Vor dem Tod habe ich seit meiner Operation keine Angst mehr.“
Ihre allzu realistische Einschätzung schockierte und beunruhigte mich doch sehr und ich fühlte irgendwie, dass ich dieser Sache nicht gewachsen war.
Zeitweise Einweisung ins Krankenhaus
Die Aufnahme ins Krankenhaus erfolgte noch am selben Tag, denn wir waren scheinbar von dem Arzt aus Hannover bereits angemeldet worden und der für uns zuständige Arzt war über den Stand der Dinge informiert. Wir besprachen alles und alle Eventualitäten, die in der nächsten Zeit uns noch bevorstehen würden. Er versuchte auch auf unsere Wünsche einzugehen, dass Martina doch noch einige Tage, solange es irgend geht, zu Hause bei den Kindern sein möchte. Wie lange das noch möglich war, wusste keiner von uns. Aber ein Versuch ist es allemal Wert. Nach zwei Tagen wurde sie aus der Klinik Bassum entlassen. Wir bekamen einen kleinen Vorrat an Schmerzmedikamenten, die für Notfälle reichen sollten.
Starke Schmerzen werden nachts unerträglich
Es gab Tage und Nächte, die so ruhig und unauffällig verliefen, dass sie in uns die Hoffnung aufkeimen ließen, dass vielleicht alles wieder gut wird. Aber dann gab es wiederum Tage, die so extrem schlimm waren, weil Schmerzen auftraten, die ganz extrem und grausam waren. Das Gefühl hilflos daneben zu stehen und außer Schmerzmedikamente zu verabreichen oder den Notarzt anzurufen nichts tun zu können, tat mir sehr weh. Auch die Erkenntnisse, die ich durch die Esoterik bekommen hatte, halfen da nicht weiter.
Manchmal dachte ich daran, dass - wenn es so ist - wir in der materiellen Dimension, in der wir leben, von einer geistigen Dimension umgeben sind und es auch einen Gott gibt, vielleicht den Gott der Bibel. Aber warum hilft er einer Mutter nicht, die alles geben würde, um für ihre Kinder da zu sein. Dieser Gott ist nicht gerecht und verdient nicht das Prädikat „ein Gott der Liebe“ zu sein, dachte ich mir.
Mein ist die Rache
In diesen Tagen fühlte ich mich einfach überfordert und ich begann abends, wenn die Kinder schliefen und Martinas Schmerzen durch Medikamente unterdrückt waren, zu trinken, um einfach aus dieser Welt der Probleme und Sorgen zu entfliehen. Oftmals sah ich mir dabei auch Videofilme an, die viel mit Gewalt zu tun hatten.
Die Hassgefühle gegenüber dem Arzt, der scheinbar versagt hat, wurden so groß, dass ich beschloss, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Gerichtlich hätte das alles nicht funktioniert, sagte ich mir, kein Arzt würde mich dabei unterstützen. Für mich wurde damals immer klarer, dass, wenn ein Mensch solche Fehler aus Oberflächlichkeit oder Gleichgültigkeit tut, man verhindern muss, dass so etwas wieder passiert.
Das viele Leid, das dadurch entsteht, rechtfertigt es sicherlich, diesen Menschen zu erschießen. Ja, nach einigen Tagen sah ich es als meine besondere Mission an, diesen Menschen zu töten. Ich erinnerte mich an die Bundeswehrzeit zurück, an die Schießübung die mir damals den Sonderurlaub einbrachte, an die Munition die ich in unerlaubter Weise mitnahm. Nur die Waffe fehlte noch. Aber auch da hatte ich eine Möglichkeit gehabt und durch die ehemaligen Beziehungen zu einem Kameraden, konnte ich in den Besitz einer Waffe gelangen.
Der Plan
Das G3-Gewehr der Bundeswehr war in meiner Planung die perfekte Waffe. In alle Teile zerlegt passte sie bequem in eine Sporttasche. Das Zerlegen und Zusammenbauen wurde bei der Bundeswehr sehr oft trainiert. Am Tatort schnell zusammengebaut, war sie genau die richtige Waffe für meinen Plan, mit guter Durchschlagskraft und Treffsicherheit.
Während der Arbeitszeit, als ich einmal in der Umgebung der Klinik einen Auftrag hatte, schaute ich mich im Umfeld zwischen Ärzteparkplatz und Klinikgebäude um, ob es von dort etwa möglich wäre meinen Plan umzusetzen. Das große Krankenhausgelände und die vielen Parkmöglichkeiten für Besucher und Ärzte machten jedoch die Erfolgsaussichten zunichte. Auch die Rückzugsmöglichkeit war sehr ungünstig, denn es gab nur einen Zufahrts- und Abfahrtsweg sowie einen Fuß- und Fahrradweg. Ungesehen am Tage zu entkommen, war fast unmöglich. Also schied diese Möglichkeit aus.
Bei nächster Gelegenheit machte ich die Wohnadresse des Arztes ausfindig. Noch am selben Tag schaute ich mir die Gegend an. Er wohnte in einem Einfamilienhaus am Ortsrand, an einer Hauptdurchgangsstrasse wo ca. alle fünf bis zehn Sekunden ein Fahrzeug vorbei fuhr. Rechts neben dem Grundstück waren ein kleiner Bach oder Wassergraben, sowie ein Grünstreifen von dreißig Meter Breite. Rechts neben dem Grünstreifen standen einige Bäume sowie auch dichtes Gebüsch. Das sah recht gut aus, zumal in der Nähe ein Fuß- und Fahrradweg war, der sich in drei verschiedene Richtungen aufgabelte. Das Gebüsch war so dicht gewachsen, dass es weder von dem Weg noch von dem Grundstück eingesehen werden konnte. Auch die Hofeinfahrt und der Hauseingang waren auf der rechten Seite des Grundstückes, also vom Gebüsch aus, gut einzusehen.
Ich hielt mich dort einige Zeit auf und stellte mir vor, wie es dort ablaufen sollte. In meinen Gedanken fuhr der Arzt auf das Grundstück, verließ danach das Fahrzeug und ging in Richtung Haustür. Auf dem Weg dorthin hatte ich nur zur rechten Körperhälfte seitlich Sichtkontakt und das war nicht sehr günstig. Ich müsste etwa auf halbem Wege zwischen Fahrzeug und Haus einen einzelnen Schuss abgeben, etwa auf die Scheiben seines Wagens, damit er einen Moment in einer Reflexbewegung mir sein Angesicht zuwendet, um ein sicheres Ziel abzugeben. Ich dachte mir: „Das könnte so funktionieren.“
Auch die Rückzugsmöglichkeiten waren recht gut. Nach der Tat die Waffe schnell zu zerlegen und wieder in der Tasche zu verstauen, würde nicht länger als 45 Sekunden dauern und dann hätte ich schnell und unauffällig den Tatort über den Fußweg verlassen können. Bis Nachbarn begriffen hätten, was dort passiert war und die Polizei mit der Fahndung beginnen würde, wäre ich sicherlich entkommen.
Okkulte Hilfsangebote – eine reale Versuchung
In dieser Zeit, wo sich das Krankheitsbild Martinas immer mehr verschlechterte, wurde meine Hilflosigkeit und Wut immer größer. Am Tage ging ich oft zur Arbeit, froh für einige Stunden Ablenkung zu bekommen und mein lieber Freund und Mitarbeiter Matthias litt innerlich mit und versuchte mich immer irgendwie zu motivieren doch mal in der Bibel zu lesen. Er sagte mir nämlich, dass ein Onkel von ihm auch an Krebs erkrankt sei und dass dieser in der Bibel Tag für Tag Trost findet sein Leid zu ertragen. Ich erwiderte ihm, dass ich mit Gott fertig bin und an einen so grausamen Gott nicht glaube.
Die Rachegefühle in mir gewannen immer mehr Raum und manchmal war es so, als würde eine innere Stimme mir zurufen: „Du Feigling, du kannst so gut schießen und das Schwein, das deine Familie zerstört, lebt noch.“
An einem Samstag meldete sich Besuch an. Ein junges Ehepaar aus Martinas Verwandtschaft kam zu Besuch. In der Zeit hatten wir eine freundschaftliche Beziehung zu ihnen, und immer wieder hatten sie sich in der Vergangenheit nach Martina erkundigt. Zu mir persönlich sagten sie: „Mache dir um Martina nicht so viele Sorgen, wir wissen, dass sie bald stirbt. Sei nicht traurig deswegen. Wir werden nach ihrem Tod kommen und ihren Geist zurückholen; wir haben die Macht dazu. Sie wird dann immer in deiner Nähe sein, ganz bestimmt.“
Da war ich irgendwie sehr verunsichert; denn dass sie bald sterben könnte, war mir schon klar, aber ihren Geist zurückzuholen, erweckte in mir Misstrauen, aber auch Hoffnung.
Sterbehilfeversuch misslingt
Unser Hausarzt, der in den vergangenen Wochen uns so treu und zuverlässig geholfen hatte Martina zu betreuen, wollte Urlaub machen. In diesen zwei Wochen kam ein junger Arzt vertretungsweise und er war auch unwahrscheinlich motiviert uns zu helfen. Er konnte die Schmerzen regelmäßig durch eine hohe Dosierung ganz gut unter Kontrolle bekommen. Aber eines Nachts kam ganz unverhofft wieder so ein starker krampfartiger Schmerz aus der Wirbelsäule.
Der Arzt kam und schob eine weitere Injektion nach und sie bekam etwas Linderung, so dass sie einschlafen konnte. In der Zeit, wo wir auf eine Linderung warteten, fragte er mich, ob ich mir schon einmal Gedanken zwecks Sterbehilfe gemacht habe. Dieses wäre in diesem Fall sicher ein Segen für den Patienten. Ja, sagte ich ihm, darüber habe ich mit Martina schon gesprochen. Sie selbst stand positiv dazu, denn sie hatte zu mir gesagt, dass, wenn es so weit ist, es gut wäre, wenn ich es so machen würde, dass sie nicht mehr aus dem Schlaf aufwachte.
Er sagte zu mir, das wäre jetzt so ein Moment, sie kommt jetzt zur Ruhe und schläft gleich ein, dann würde ich noch ein starkes Beruhigungsmittel spritzen, so dass die Wechselwirkung mit dem Schmerzmedikament zur Folge haben würde, dass ihre Lunge verkrampft und sie dadurch erstickt.
Ich sagte ihm, dass er mein Einverständnis hat. Einige Minuten später spritzte er dann dieses Medikament. Zu unserer Verwunderung passierte gar nichts und sie schlief ganz ruhig weiter als wenn nichts geschehen wäre. Der Zeitpunkt ihres Todes war scheinbar noch nicht gekommen.
Ausgebremst – zur rechten Zeit
Wieder war so eine schreckliche Nacht vorbei, die immer wieder von heftigen Schmerzattacken unterbrochen wurde. Ich selber wurde nachts von meinen Plänen geplagt, diesen Arzt, der uns das alles eingebrockt hatte, zu erschießen; - aber irgendetwas hielt mich bis jetzt davor zurück. War es Angst oder war ich einfach zu feige? Ich nahm mir ganz fest vor, es nicht noch länger aufzuschieben, - heute Abend sollte es geschehen.
In der Mittagspause, wo ich eine Stunde zu Hause verbringen konnte, zerlegte ich das Gewehr in mehrere Teile, so dass es unauffällig in einer großen Tragetasche transportiert werden konnte. Zwei gefüllte Magazine legte ich dabei. Nach der Mittagspause hatte ich noch einige Kundentermine und wollte so gegen 17 Uhr zurück sein und um 19 Uhr wollte ich mich auf den Weg machen.
Es kam aber alles anders. Als ich um 17 Uhr zurück war, klingelte es an der Tür. Es war ein Versicherungsvertreter der Hamburg Mannheimer Versicherung. Er sagte mir, er wolle mich gerne beraten, da ich doch vor einiger Zeit eine Versicherung abgeschlossen hätte, da gäbe es zwischenzeitlich einige Änderungsmöglichkeiten. Ich wollte ihn gleich an der Tür abwimmeln, da ich ja eigentlich etwas anderes geplant hatte. Aber irgendwie konnte ich nicht anders und ich bat ihn einzutreten.
Dieser Mann hat sicherlich gespürt, dass ich sehr angespannt und nervös war, weil ich mich gar nicht auf die Dinge, die für die Versicherung relevant waren konzentrieren konnte. Er fragte mich direkt, was mit mir los sei? Ich vertraute ihm an, dass meine Frau todkrank sei und bald sterben würde. Daraufhin nahm er seine Mappe, schlug sie zu und sagte dann zu mir, dass er für solche Fälle noch eine andere Tasche im Auto habe und doch gleich mal hinginge um sie zu holen. „Was soll das nur?“ - dachte ich mir.
Er kam dann sehr rasch zurück, holte aus seiner Tasche eine Bibel und einige kleine Heftchen mit verschiedenen Bibelsprüchen. Ich sagte zu ihm, dass er erst gar nicht damit anzufangen brauche, mich für das Christentum zu begeistern, denn mit diesem Gott, der vorgibt der ‚liebe Gott‘ zu sein, bin ich fertig. Können Sie mir eine Antwort darauf geben, warum Gott das alles zulässt, warum in der Welt so viel Not und Leid herrscht? Und der ‚liebe Gott‘ schweigt. An so einen Gott will ich nicht glauben. Er begann einige Bibelstellen zu zitieren, wie: „ Es ist keiner der Gutes tue, auch nicht einer, alle sind abgewichen …“ Weiter sagte er mir anschließend: „Wenn das alles falsch sein sollte, dann müsste Ihr Name darin stehen, dass sie eine Ausnahme sind und nicht von Gott abgewichen sind.“
„Das ist mir egal“, erwiderte ich: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, war immer meiner Frau ein treuer Ehemann, gehe meiner Arbeit nach, versuche ein guter Vater zu sein und Sie versuchen mir hier anzuhängen, dass ich ein verlorener Sünder bin.“ Ich finde, das ist eine anmaßende Religion, die Sie da vertreten.
Ich bemerkte, dass sich in diesem Gespräch eine große Spannung aufbaute und dass ich mehr und mehr auf Gott meinen Frust und meine Wut abladen wollte und natürlich auch auf diesen Mann, der mir wirklich nur helfen wollte. Der weitere Verlauf dieses Gesprächs kam mir wie eine Achterbahnfahrt vor und einigen Argumenten von ihm konnte ich nichts entgegensetzten. Die Zeit verstrich und mein Plan schien in Verzug zu geraten, (innerlich war ich sogar ein wenig froh darüber) ich sagte ihm aber, dass ich noch etwas vor hätte und meine Zeit knapp wird. Am Ende dieser Diskussion über den Glauben sagte er noch: „Bedenken Sie bitte auch, dass seit dem Sündenfall jeder Mensch zu einem Mord fähig ist und auch Sie sind dazu fähig. (Er wusste nichts von meinem Plan!) Als er gegangen war, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der vom Vater beim Stehlen seiner Geldbörse erwischt wurde, so hatten mich die Worte dieses Mannes getroffen. Noch an diesem Abend fing ich an in der Bibel zu lesen.
Vergebung macht frei
An diesem Abend als ich zum ersten Mal, ganz neugierig, anfangen wollte in der Bibel zu lesen, stellte sich mir die Frage, wo ich anfangen sollte, auf der ersten Seite von Anfang an bis zur letzten Seite oder ganz gezielt einige mir interessant erscheinende Kapitel. Ich musste mir eingestehen, dass ich viel zu wenig über den Inhalt der einzelnen Kapitel wusste, um eine Entscheidung treffen zu können.
In meiner Jugendzeit fand ich in der Zeit der Konfirmation Interesse an dem Johannesevangelium. Es war für mich eine spannende Geschichte über Jesus dem Sohn Gottes, aber der Ausgang dieser Geschichte war für mich damals ein Beweis dafür, dass dieser Jesus nicht der Sohn Gottes war. Bestenfalls ein außergewöhnlich guter Mensch mit ganz hervorragenden menschlichen Eigenschaften.
Die Tatsache, dass Gott die Kreuzigung seines vermeintlichen Sohnes zu ließ, war für mich damals Anlass mit dem Lesen der Bibel aufzuhören. Sollte ich jetzt vielleicht noch einmal aufmerksam dieses Evangelium lesen?
Also fing ich an in der Bibel zu blättern um das Johannesevangelium zu finden. Ich stockte auf einmal, als ich beim Blättern der Seiten auf diese Verse aufmerksam wurde: „ Und richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden; verurteilet nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden. Lasset los, und ihr werdet losgelassen werden.“(Lukasevangelium Kapitel 6, Vers 37) Diesen Vers begriff ich sofort, denn er spiegelte mein inneres Problem wieder. Den Arzt, der diesen unglücklichen Fehler machte, habe ich in meinem Herzen zum Tode verurteilt und wollte selbst das Urteil an ihm vollstrecken.
Von dem Hass und den Plänen, wie ich meine Tat umsetzten konnte, war ich vollkommen gefangen und nur eine Vergebung, die aus der Tiefe meines Herzen kommt, würde mir zur Freiheit verhelfen. Immer wieder habe ich diesen Vers gelesen und darüber nachgedacht, er begann in meiner Seele wie eine wunderbare Medizin zu wirken. Im weiteren Verlauf las ich dann, wie vorgenommen, das gesamte Johannesevangelium.
Noch beeindruckt von den Versen aus dem 6. Kapitel des Lukasevangeliums fingen einige Abschnitte aus dem Johannesevangelium (wie z.B. Johannes 8 Vers 32 – 36) an, ein kleines Licht in meiner Seele zu entzünden. Meinen Plan hatte ich nun endgültig verworfen und damit die Waffe nicht in verkehrte Hände gerät, wurde sie von mir in die Weser geworfen. Der Privatbesitz dieser Waffe ist in Deutschland verboten, also konnte ich mich schnell von ihr trennen.
Die Bibel wird für mich Kraftquelle und Trost
Von nun an wurde die Bibel für mich ein Buch, das mir beim Lesen zu einer Kraftquelle wurde. Die täglichen Probleme und die innere Ohnmacht angesichts meiner Hilflosigkeit Martinas Krankheit gegenüber, die für mich zermürbend war, wurden zwar nicht weniger, wurden durch das Lesen der Bibel aber erträglicher. Weil in der Bibel viel über Leid geschrieben wird, konnte ich mich mit dem Geschriebenen identifizieren.
Es wird darin auch viel über Trost geschrieben und dieser Trost wurde mir in dieser Zeit zur mentalen Kraftquelle. Ich war immer wieder verwundert darüber, welch eine Kraft und Schönheit von diesen einfachen Worten in der Bibel ausgingen. Beim Lesen wurde mir immer klarer, dass ein gewaltiger Unterschied zwischen all den anderen Büchern, die ich bisher gelesen hatte und der Bibel bestand. In keinem anderen Buch konnte ich mehr Kraft für die täglichen Anforderungen des Lebens in meiner Situation finden.
Allein die Tatsache, dass ich frei wurde von dem zwanghaften Drang diesen Arzt zu töten, hatte ich ja auch der Bibel zu verdanken. Somit gewann ich immer mehr Vertrauen zu dem Autor der Bibel - Gott -, den ich in meinem bisherigen Leben ignoriert hatte. Mein ganzes unlogisches Verhalten, nicht an Gott zu glauben, ihn aber doch gleichzeitig für das Schicksal, das Martina und ich erleiden mussten, auf eine Art Anklagebank zu setzten, wurde mir immer mehr bewusst.
Der Abschied einer sterbenden Mutter
Um 6:45 Uhr klingelt der Wecker und Martina schlief noch neben mir. Sie hat am frühen Morgen noch Ruhe gefunden, nachdem der Notarzt ihr in der Nacht noch ein starkes Medikament gegen die Schmerzen gespritzt hatte, da die Tabletten allmählich keine Wirkung mehr zu haben schienen.
Als ich mit den Frühstücksvorbereitungen fertig war, hörte ich einige Geräusche aus dem Schlafzimmer. Sie war wach geworden und rief nach mir. Sie sagte zu mir: „Lange wird es so nicht mehr gehen, die Schmerztabletten helfen nicht mehr.“ Dr. Willms sagte vor einigen Tagen zu mir, dass, wenn die Schmerzmittel nicht mehr helfen würden, es Zeit für eine Krankenhauseinweisung wäre.
„Bevor du nachher zur Arbeit gehst, hole mir doch die beiden Mädchen und lege sie zu mir ins Bett, ich möchte von ihnen Abschied nehmen.“ „Abschied nehmen?“ fragte ich etwas entsetzt zurück. „Ja, ich weiß, denn die Schmerzen werden von Tag zu Tag schlimmer und wir schaffen das alles hier nicht mehr, und wenn ich in die Klinik muss, dann wird es für mich kein zurück geben, da brauchen wir uns nichts vormachen. Also bevor du gehst, hole mir bitte die Kinder.“
Diesen Wunsch konnte ich Ihr natürlich nicht abschlagen und ich ging ins Kinderzimmer die beiden noch schlafenden Mädchen zu holen und legte sie behutsam mit ins Ehebett.
Am frühen Abend des gleichen Tages setzten die Schmerzschübe ein, noch früher und noch heftiger. Ich rief unseren Hausarzt an und dieser kam auch sehr schnell, um ihr durch eine erneute Injektion von Medikamenten Linderung zu verschaffen.
Keine zwei Stunden später ließ die Wirkung schon nach, offenbar entwickelten diese Schmerzen eine neue noch bessere Qualität, um sie zu quälen. Auch dieses Mal war unser Hausarzt wieder gekommen und er sagte, dass er damit nicht gerechnet habe, dass die Wirkung so schnell nachlässt. Er meinte, dass es jetzt an der Zeit wäre, über eine sofortige Einweisung in die Klinik nachzudenken, es gäbe dort bessere Möglichkeiten diese Schmerzen zu lindern.
Dem stimmten wir beide zu, denn wir sahen, wie ohnmächtig wir diesen Problemen gegenüber standen. Eine Stunde später war der Krankenwagen da, um sie dann in die Klinik zu bringen.
Die beiden Rettungssanitäter legten Martina auf ihre Trage und machten sich auf den Weg vom Schlafzimmer durch den Flur Richtung Krankenwagen. Von den Geräuschen wach geworden, kamen plötzlich die beiden Mädchen aus dem Kinderzimmer, sahen ihre Mutter auf der Trage liegen und wollten zu ihr. Als Martina ihre beiden Kinder sah, drehte sie sich
um, als wolle sie nichts mehr mit den Kindern zu tun haben. Der Weg bis zum Krankenwagen schien unendlich lang zu sein, Martinas Blicke schienen teilnahmslos Richtung Himmel gerichtet zu sein, aber die Tränen rollten ihr unaufhörlich über die Wangen.
Der Anruf
Schon zwei Nächte war Martina nun in der Klinik, und dass die Schmerzen dort durch die Medikamente erträglicher wurden, machte uns sehr froh. In mir wuchs dadurch wieder ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich an ihrer Krankheit vielleicht doch noch etwas ändern würde.
Sollte es doch noch ein ‚happy end‘ geben? In meiner Seele zeichnete sich ja auch eine Veränderung ab, ganz neue Erfahrungen schienen mein Leben zu verändern.
Ich bemerkte, dass in aller Not, die ich durchlitten hatte, mir durch die Vergebung, die ich anderen zuteil werden lies, auch vergeben wurde. So eine Erfahrung hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gemacht. Damals bildete ich mir ein, dass diese positive Haltung, die sich in mir auftat, sich auch irgendwie auf den Gesundheitszustand Martinas auswirkte.
Es wuchs eine Stimmung in mir, die sagen wollte: „Pass auf, jetzt wird alles wieder gut!“
Die vielen Eindrücke, die ich in den vergangen Monaten beim Lesen der verschiedensten Büchern von Steiner, Hahnemann oder aus der alternativen Szene gesammelt habe, verglich ich mit den verschiedenen Puzzleteilchen, die ich nun mit den Erkenntnissen und der neu gewonnenen Erfahrung aus der Bibel zu einem kompletten Bild zusammenbauen konnte.
Diese Gedanken taten sich mir früh morgens am Frühstückstisch auf, als ich da saß und mich auf den vor mir liegenden Tag, auf die Arbeit und auch den Krankenbesuch am Nachmittag vorbereitete. Die beiden Mädchen wurden zu dieser Zeit durch meine Eltern und Schwiegereltern sowie auch durch eine Tagesmutter gut versorgt. Plötzlich, als ich mich gerade auf den Weg zur Arbeit machen wollte, klingelt das Telefon und es meldete sich das Krankenhaus: „Bitte kommen Sie rasch, ihre Frau wird noch heute sterben.“
Damit hatte ich nicht gerechnet, nicht jetzt, wo sich doch in mir neue Kraftquellen auftaten, um doch noch vielleicht etwas ändern zu können. Habe ich mir am Ende nur irgendetwas eingeredet, um die Wirklichkeit, das eigentliche Problem, zu verdrängen? Ich sagte alle Termine ab und machte mich auf den Weg zur Klinik.
Die große Hürde
Der Weg zur Klinik wurde mir, je näher ich ans Ziel kam, immer schwerer, Nicht weil er so weit oder beschwerlich war, sondern weil mir immer klarer wurde, was jetzt passieren würde.
Etwa auf halber Strecke kam ein Waldparkplatz für Wanderer. Dort hielt ich an, weil meine Knie immer weicher wurden und meine Hände fast nicht mehr bereit waren den Wagen weiterzulenken. Ich saß dort im Wagen, meine Gedanken kreisten im Kopf und jetzt einfach weiterfahren konnte ich nicht, es war so, als würde mich eine Nebelwand an der Weiterfahrt hindern.
Wie lange ich dort stand weiß ich nicht, denn das Zeitgefühl schien mir verloren gegangen zu sein. Die ganzen Höhen und Tiefen der letzten Monate spulten sich in mir wie ein Film ab. Die Zeit, als die Kinder geboren wurden – die ärztliche Diagnose – die Operation auf Leben und Tod - die Grenzerlebnisse Martinas während der OP – die Zeiten während der Chemotherapie – der Plan, den Arzt zu töten – die vielen schlaflosen Nächte - der Hass in meinem Herzen – meine Einwilligung zur Sterbehilfe, die letztendlich misslang; und jetzt, wo sie tatsächlich im Sterben lag, kann ich ‚diese große Hürde‘ nicht überspringen.
Warum konnte ich jetzt nicht weiterfahren? Würde ihr Tod nicht eine Erlösung für sie sein?
Hatte ich nicht in den vergangenen Tagen eine Vorahnung bekommen, was es heißt, eine göttliche Kraftquelle zu haben? Denn das Lesen in der Bibel hat mich wirklich davor bewahrt, eine verheerende Dummheit zu tun und durch meine Bereitschaft zur Vergebung bin ich selbst frei geworden. Und jetzt schien ich hier in einer Sackgasse zu stehen. Wie paradox ist doch diese Lage. Vor einigen Tagen, nach einigen Nächten voller Schmerzen, hatte ich meine Einwilligung zur Sterbehilfe gegeben, welche nicht funktioniert hat und jetzt wo Martina sich an der Schwelle des Todes befindet, habe ich keine Kraft weiter zu fahren und mich dieser endgültigen Situation zu stellen. Von wo und von wem sollte ich jetzt die Kraft bekommen?
So nimm den meine Hände
Auf der einen Seite wollte ich bei Martina sein, damit sie in ihrem Sterben nicht alleine war, auf der anderen Seite schien in mir jegliche Kraft, die ich in all den Monaten hatte, zu versiegen. Was war meine Kraft und woher kam sie? War ich selbst die Kraftquelle? War es die Hoffnung auf Martinas Genesung, die jetzt auf den Nullpunkt angelangt war?
Ja, wahrscheinlich war es so; jetzt, wo keine Hoffnung mehr da war, wurde ich von meiner eigenen Kraftlosigkeit überrollt. In mir kam jetzt immer mehr die Angst auf zu spät zu kommen, und immer wieder kam mir in meinen Gedanken das Gespräch mit dem Versicherungsvertreter in Erinnerung, besonders der Vers aus der Bibel „ Es ist keiner der Gutes tut, auch nicht einer, alle sind abgewichen und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes“.
Da spürte ich, dass mein bisheriges Leben eigentlich davon geprägt war, Gutes zu tun. Es gelang mir zwar nicht immer, aber doch hatte ich eigentlich immer von mir die Meinung, dass das Gute in mir das Schlechte überwiegt und dass ich im Vergleich zu anderen ganz gut abschneiden würde.
Jetzt aber wurde plötzlich mein Gewissen wach, was wahrscheinlich durch meine ‚mechanische Art‘ das Gute zu tun, eingeschlafen war. Das Gewissen zeigte mir nun, dass ich in der Vergangenheit immer wieder Dinge tat, die wirklich böse waren, worauf ich jetzt im Einzelnen nicht eingehen möchte. Es gab da so manche Lüge und Niederträchtigkeit in meinem Leben, was mein Gewissen belastet hat, welches aber in der heutigen Welt als ein Kavaliersdelikt geahndet wird. Gott und die Bibel beurteilen es ganz und gar anders. Somit zählte ich mich in diesem Moment zu denen, die nichts Gutes tun und abgewichen sind und nicht die Herrlichkeit Gottes erreichen.
Tränen rollten über mein Gesicht. Verzweifelt rang ich doch danach meine Gedanken zu ordnen, denn ich fühlte meine ganze Ohnmacht weiterzukämpfen und weiterzuleben. Ich glaube, dass dies das erste Mal war, dass ich in meinem Leben selbstständig gebetet hatte. „Herr ich bitte dich, hilf mir weiter, auch wenn du Martina nicht gesundmachen willst, hilf doch trotzdem und Herr Jesus vergib mir auch meine Sünden, und dass ich in meinem bisherigen Leben nichts von dir wissen wollte.“
Allmählich beruhigte ich mich wieder, in mir schien so etwas wie Glauben und Vertrauen in eine höhere Macht zu wachsen. Mir war so, als würde jemand zu mir sagen: „ Habe Vertrauen zu mir, von jetzt an werde ich dir helfen.“ Eine Erinnerung an ein Kirchenlied, welches oft auf Beerdigungen gesungen wird, kam mir in den Sinn: So nimm den meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich‘. Jetzt ging die Fahrt unter neuen Vorraussetzungen und mit einem neuen Bewusstsein weiter.
Er gibt dem Müden Kraft
Auf dem Parkplatz der Bassumer Klinik war mir so, als würde eine innere Stimme mir sagen: „Du hast versäumt Martinas Eltern zu unterrichten, wenn du es jetzt nicht tust, kannst du das nicht wieder gut machen.“ Ich hatte zwar gedacht in diesen letzten Stunden mit ihr allein zu sein, aber ihre Eltern hatten ein ebenso großes Anrecht darauf dabei zu sein. Fatal wäre es, wenn ich sie nicht darüber informieren würde.
Also rief ich dort an und sagte es ihnen. Nachdem ich nun in der Klinik angekommen war und in das Zimmer, wo Martina bisher lag, kam, war ich erstaunt, dass ihr Bett nicht mehr dort war. Sie hatte jetzt, nachdem es feststand, dass sie bald stirbt, ein Einzelzimmer bekommen.
Eine Krankenschwester begleitete mich dorthin, und sagte dann, dass, wenn wir etwas benötigten, wir uns jederzeit melden können. Als ich dort Martina in dem Bett liegen sah, bemerkte ich, dass sich in den letzten 24 Stunden ihr Gesundheitszustand sehr schnell verschlechtert hat.
Sie war aber noch ansprechbar und konnte noch ganz leise etwas sagen. Ich hatte ihr geschildert, was mit mir auf dem Weg zur Klinik geschehen war, dass ich jetzt an Gott und an seinem Sohn Jesus Christus glaube. Willst du auch an ihn glauben? Das tue ich doch schon, sagte sie ganz langsam und leise. Er hat mir doch auch geholfen als ich operiert wurde, er hat mir vor der Operation Ruhe gegeben, als im Andachtsraum war, da betete ich zu ihm, ich fühlte dort seine Nähe ganz besonders.
Als sie mir das sagte, fiel es mir auch wieder ein, dass sie mir davon schon erzählte. In meinem Inneren hatte ich aber damals ihre Worte als religiöses Geschwätz abgetan.
Ich hatte nicht im Geringsten geahnt, wie viel Segen und Kraft man doch durch den Glauben erfahren kann, besonders in der Not. Wie viel Leid und Traurigkeit musste ich ertragen, um diese Lektion zu lernen. Jetzt kamen auch meine Schwiegereltern hinzu, auch ihnen erzählte ich von meinem Erlebnis. Ich merkte, dass sie dem Glauben gegenüber eine ablehnende Haltung hatten, was ich sehr gut verstehen konnte. In den nächsten Stunden verschlechterte sich Martinas Zustand immer weiter, und sie fiel immer tiefer in eine Bewusstlosigkeit.
Die Zeit verstrich ganz langsam. Ich befand mich in einem Wechselbad der Gefühle, auf der einen Seite unendliche Traurigkeit über die Situation, dass Martina den Kampf gegen den Krebs verloren hatte, und auf der anderen Seite, dass sich in meinem Leben etwas von Grund auf geändert hat. Ich spürte es ganz genau, da ich bemerkte, dass in mir etwas ganz Neues entstand, was man schlecht mit Worten beschreiben kann, aber was in mir Freudengefühle auslöste. Freudengefühle, die stärker waren als die Traurigkeit, Kraft die stärker war, als die Anforderungen die mir in dieser schweren Situation gestellt wurden.
Nur sehr langsam verstrich die Zeit und es wurde Abend, Martina war fast nur noch im Koma, ihre Augen öffneten sich kaum noch. Wir wurden selber auch müde und schläfrig, jetzt ein Kaffee, der würde uns etwas aufmuntern, dachte ich mir so. Plötzlich ging die Tür auf, die Krankenschwester kam mit einem Tablett herein, sie sagte: „Ich habe ihnen Kaffee gemacht, der wird ihnen gut tun.“ Dankbar nahmen wird diese Erfrischung an, was für mich persönlich meine erste Gebetserhörung war, weil ich mit niemandem dort im Krankenhaus über meinen Wunsch nach Kaffee gesprochen hatte.
Martina war jetzt gar nicht mehr ansprechbar, ihre Atmung wurde ganz anders, so mechanisch und kurz, wir spürten, dass es bald mit ihr zu Ende gehen wird. Früh morgens um vier Uhr hatte ihr Herz aufgehört zu schlagen, der Kampf gegen den Krebs war verloren, die Leidenszeit war vorbei. Aus unserem begrenzten menschlichen Horizont heraus betrachtet war dieses Geschehen so unendlich traurig, Martinas Tod bedeutete für mich, meine Frau zu verlieren, ihre Eltern verloren ihre geliebte Tochter, meine beiden Töchter ihre Mutter.
Aber Martina war jetzt von ihren Leiden erlöst und wenn man den Aussagen der Bibel glaubt, dann fängt das eigentliche Leben jetzt erst an.
Eine Prüfung ist bestanden
Seit Martinas Tod kam es mir so vor, dass alle Personen in meinem Umfeld in Trauer zu versinken drohten. Dabei gibt es in dieser Zeit so viel zu bedenken und zu organisieren. Die Beerdigung, die Trauerkarten mussten gedruckt und verschickt werden, diverse Sachen waren zu organisieren. Ich merkte sehr rasch, dass keiner von meinen Angehörigen in der Lage war mir wirklich dabei zu helfen. Dies soll kein Vorwurf sein, denn mir wurde klar, dass der Glaube, auf den ich mich immer mehr stützte, meine eigentliche Kraftquelle war. In dieser wirklich schweren Zeit erlebte ich, wie sehr Gott mich da hindurch trug. In vielen Situationen wurde mir die helfende Hand Gottes ein Beweis dafür, dass es einen lebendigen Gott wirklich gibt.
Nach einigen Wochen kehrte langsam etwas Ruhe in mein Leben ein; vieles musste jetzt organisiert werden, für die beiden Kinder musste gesorgt werden und so Manches bedacht werden. Abends, wenn die Kinder im Bett lagen und schliefen, las ich in der Bibel und etliche wertvolle Gedanken taten sich mir darin auf, die in mir Gefühle der Dankbarkeit auslösten und mich auf meinem Weg, den ich zur rechten Zeit eingeschlagen hatte, bestärkten.
Mir wurde klar, dass der Weg, den ich in meinem Leben bisher gegangen war, einer Gradwanderung glich und ein Abweichen zur einen oder zur anderen Seite hätte für mich und natürlich auch für die Kinder schwerwiegende Folgen gehabt. Es war einfach nicht vorauszusehen, was passiert wäre, wenn ich meinen Plan in die Tat umgesetzt hätte. So musste ich bekennen, dass Gott genau zur rechten Zeit mir Seine Hand reichte und sich mir durch die Person eines Versicherungsvertreters offenbarte.
In dieser Zeit wollte ich mich irgendwie kirchlich orientieren und suchte Menschen, die den gleichen Glauben wie ich hatten. Sonntags ging ich dann in die evangelische Kirche, wo ich etliche Mensche kannte. Die Kirche in meinem Wohnort ist eine riesige alte Kirche, so um die 700 Jahre alt, aber zu den Gottesdiensten sonntags waren die Bänke gerade mal zu 10% gefüllt. Irgendwie füllte ich, dass ich hier keinen Heimathafen für die Seele finden würde.
In der folgenden Woche hatte ich ein sehr nettes Gespräch bei einem Kunden, Heinz und Ingrid Laue, die auch Jesus Christus als ihren Heiland bekannten. Von ihnen bekam ich dann eine Einladung zu Vorträgen zu einer Christengemeinde. Für mich schloss sich nun der Kreis, da ich dort viele Menschen kennen lernte mit denen ich mich wirklich verstand. Wir fühlten in unserem Umgang miteinander eine innere Verbundenheit, wo Jesus Christus unser Mittelpunkt sein wollte. Auch den Versicherungsvertreter traf ich dort wieder, der auch regelmäßig in diese Gemeinde ging. Es entwickelte sich eine innige Freundschaft mit ihm und seiner Familie. Es war eine schöne Zeit, in der ich oft spürte, wie sehr für mich gebetet wurde und wo mir auch so manches Mal durch praktische Hilfe einige Probleme abgenommen wurden.
Vier Wochen waren nun seit Martinas Tod vergangen, als eines Abends das Telefon klingelte, und sich das junge Ehepaar aus Martinas Verwandtschaft, welche mir vor einigen Monaten ein besonders Hilfsangebot unterbreiteten, meldeten. Sie wollten mich besuchen kommen, um mir dadurch zu helfen, Martinas Geist aus dem Jenseits zu holen. Sie meinten, das würde mir in der Zeit der Trauer helfen. Etwas verunsichert sagte ich ihnen zu, und lud sie ein, damit wir uns dann über diese Dinge unterhalten könnten. Ich war, nachdem ich zugesagt hatte, sehr aufgeregt, Unbehagen machte sich in mir breit. Den Gedanken mit Martina in Verbindung zu bleiben wurde für mich eine wirkliche Versuchung, der ich zu erliegen drohte. Ob so etwas wirklich möglich wäre? Ich betete um Klarheit und um Rat, aber ich schien keine Antwort zu bekommen. Meine innere Unruhe steigerte sich jedoch weiter. Ich fragte mich, dass, wenn so etwas möglich wäre, was ich mir auch vorstellen konnte, es dann auch wirklich der Geist Martinas war, oder ein anderer, ein dämonischer Geist, der einfach nur imitiert und mich geistig auf die schiefe Bahn oder auf ein Abstellgleis schieben möchte. Diese Möglichkeit hielt ich für die wahrscheinlichere, also war Vorsicht geboten. In meiner Ratlosigkeit vertraute ich mich einem älteren Mann aus meiner Kirchengemeinde an. Er war über dieses Angebot entsetzt, und warnte mich, er meinte ich sollte mich auf gar keinen Fall darauf einlassen. Er zitierte eine Stelle aus der Bibel.
(3.Mose 20 Vers 6) Diese Stelle machte mir klar, was hinter diesem Angebot steckte.
Am darauf folgenden Samstag kam mein Besuch. Wir unterhielten uns über die vergangen Wochen, wie sich nach Martinas Tod mein Leben veränderte und dass ich durch den Glauben an Jesus Christus ein ganz neues Leben begonnen hatte. Damit hatten sie nicht gerechnet und etwas verunsichert sagten sie mir, dass sie auch an Gott glauben, aber mit dem Glauben an Jesus braucht man es ja nicht gleich übertreiben. Das alles, was ich durch den Glauben erfahren hatte, ist ja gut und schön, aber wenn Martinas Geist bei mir wäre, würde das mein Glaubensleben noch bereichern. Wenn ich meine Einwilligung dazu gäbe und mich ganz dem Wunsch, Martinas Geist aus dem Jenseits zu holen, eins machen wolle, würde dies auch gelingen.
„Nein,“ sagte ich, „das möchte ich nicht.“ Dann hast du sie nie wirklich geliebt und bist froh, dass sie weg ist, konterten sie geschickt. Diese Worte setzten mir ein wenig zu, das tat weh, aber nach kurzer Zeit fand ich meine Fassung wieder und holte meine Bibel, um ihnen die Stelle aus 3.Mose vorzulesen: „Und die Seele, die sich zu den Totenbeschwörern und zu den Wahrsagern wendet, um ihnen nachzuhuren, wider selbige Seele werde ich mein Angesicht richten und sie ausrotten aus der Mitte ihres Volkes.“ Man kann sich kaum vorstellen, welch eine Macht so ein Vers hatte. Der Besuch hatte es nun ganz eilig zu gehen und völlig irritiert, fast ohne sich zu verabschieden, verließen sie mich. Mit Dankbarkeit und Erleichterung konnte ich dieses lehrreiche Kapitel abschließen.
Schlussgedanken
Es ist jetzt fast Mitternacht, ein neuer Tag beginnt bald. Mein Besuch ist gegangen und ich bin jetzt mit den Kindern wieder allein zu Hause, aber wirklich alleine? Nein, da bin ich mir ganz sicher, durch den Glauben an Jesus Christus ist in mir ein neues Bewusstsein, ja ein neues Leben entstanden, das mich Seine Nähe und Seine Liebe spüren lässt. Ja, es wird mir immer mehr bewusst, dass in meinem ganzen Leben in aller Not, Gott immer anwesend war. Wo ich Ihn für alles Leid und all den Kummer, das Er doch zugelassen hat, verachtet und gehasst habe, so hat Er mich dennoch geliebt (siehe 1.Joh. 4:19) und hatte zu aller Zeit die Zügel fest in der Hand.
Auch wenn meine Frau nicht geheilt wurde, so weiß ich nun, dass sie jetzt bei ihrem Herrn ist, frei von allen Sorgen und Schmerzen. Die Fragen, die sich mir in der Vergangenheit immer wieder stellten: ‚Warum lässt Gott so etwas zu?‘; ‚Warum muss ein Mensch so viel Schmerz ertragen und dann sterben, ohne dass Gott sichtbar eingreift und für Heilung und Genesung sorgt?‘ wurden für mich beantwortet:
Die Antwort auf all diese Fragen finden wir einzig und allein in Seinem Wort, der Bibel, in Markus 15:34 lesen wir, wie der Sohn Gottes am Kreuz ausrief: „MEIN GOTT, MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN?“ Warum hat Gott zugelassen, dass Sein Sohn von Menschen unschuldig verurteilt, geschlagen und schließlich gekreuzigt wurde? Auch das war Liebe, göttliche Liebe. Hätte er eingegriffen, und eine Kreuzigung verhindert, so hätte er seinen geliebten Sohn (siehe auch Matth 17:5) zwar vor diesem Leid bewahrt, aber der Tod hätte weiterhin die Herrschaft über alle Menschen behalten.
Gott hat die Leiden seines Sohnes zugelassen und diese Leiden bestanden nicht nur aus den Wundschmerzen, sondern sie entstanden auch daraus, dass alle unsere Sünden auf Ihn gelegt wurden und Er dort am Kreuz für sie sühnen musste. (siehe auch Jesaja 53:4) Die Opfer im alten Testament waren auch prophetische Vorbilder davon.
So war es auch göttliche Liebe, die alles Leid in meinem Leben und in dem Leben meiner Frau zugelassen hat, damit mein hartes Herz gebrochen wurde, und ich Ihm mein Leben anvertrauen konnte.
Ich möchte die Leiden, die Gott in unserem Leben zulässt, einfach mit einem kleinen Steinchen vergleichen, welches in eine Muschel eindringt. Die Muschel möchte sich unbedingt dieses Steinchens entledigen, aber sie schafft es einfach nicht bis schließlich irgendwann aus dem Steinchen eine Perle wird. Jeder Mensch, der sich selbst und seine eigene Sündhaftigkeit erkennt und den Opfertod Jesus Christus für sich persönlich annimmt, empfängt Leben aus Gott, und ist dann ein Kind Gottes.
Ich bin froh und dankbar, dass ich meinen Plan den Arzt zu erschießen verworfen habe, die Welt wäre durch meine Tat noch schlechter geworden und welches Leid hätte ich dadurch den Familienangehörigen zugefügt. Seit dem Sündenfall ist die von Gott erschaffene Erde ein Netzwerk aus Sünde, Lüge, Gewalt und Verbrechen und selbst im Namen der Kirche wurde geraubt und gemordet. Und so kann allein das Erlösungswerk Christi uns aus diesem Teufelskreis befreien.
«Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen» (Joh. 8:32)